KigaBox

Kindergartenbox:

“Entdecken-Schauen-Fühlen”

Herausgeber: BzgA (Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung)

Die Kindergartenbox soll zum Einen über die psychosexuelle Entwicklung von Kindern bis zum 6. Lebensjahr informieren (Info-Broschüren für Erwachsene) und durch vielfältige Spielanregungen über unterschiedliche Medien und Materialien (Video, Hörcassette, Puzzle, Kartenspiel, Krabbelsack, Lieder-CD, eine männliche und weibliche Puppe mit sicht- und fühlbaren Geschlechtsmerkmalen und einem Kinderbuch) Kindern und Erwachsenen Anregungen und Impulse geben, die das Verständnis für die Wahrnehmung des eigenen Körpers und auch der sexuellen Empfindungen im Kindesalter wecken und auch dafür sensibilisieren sollen.

Ausgerichtet sind die umfangreichen Materialien für den Einsatz im Kindergarten, wobei die Erzieher/innen Anregungen für den Umgang mit den Kindern und deren Eltern (Gestaltung von Elternabenden) speziell zu diesem Themenbereich erhalten.

Ich habe die Spielmaterialien in meiner Heilpädagogisch-Therapeutischen Praxis mit Kindern im Alter zwischen 3 – 13 Jahren geprüft und die Broschüren (ich habe diese auch 2 Erwachsenen, Frau und Mann, mit Kindern im Alter von 10 – 16 Jahren zum lesen gegeben) gelesen.

Im Folgenden möchte ich meine Beobachtungen und auch kritischen Anmerkungen darstellen.

Die Puppen Lutz und Linda

Zunächst möchte ich bemerken, dass ich bisher keine Puppe mit Geschlechtsteilen in meiner Praxis hatte. Dafür jedoch Handpuppen, die äußerlich als männlich und weiblich deutlich unterscheidbar sind und im Spiel auch so von den Kindern eingesetzt werden.

Ich habe Lutz und Linda den Kindern vorgestellt, da ich bemerkte, dass kein Kind von sich aus auf sie aufmerksam wurde, obwohl sie neben den Handpuppen sichtbar auf dem Sofa im Spieltherapiezimmer sitzen. Wie in den Informationsbroschüren angeregt, habe ich sie mit ihren Namen vorgestellt und dass sie Freunde seien und jetzt auch hier wohnen würden. Mit Hinweis auf die sichtbaren Geschlechtsunterschiede war bei einigen Kindern, besonders den Älteren, die Neugier geweckt, diese sehen zu wollen. Dabei schien vor allen Dingen der Penis von Lutz die Überraschung zu sein, wobei das Interesse auch nicht lange anhielt, da die meisten Kinder über diesen Unterschied zwischen Mädchen und Jungen schon informiert waren. Ein 10jähriges Mädchen war sichtlich peinlich berührt und gab dann auch an, dass sie sowas noch nicht gesehen habe. Sie war dann auch an mehr Informationen interessiert, woraus sich aufklärende Gespräche entwickelten. Ein 4jähriges Mädchen war auffallend nur an dem Penis, Pullermann, von Lutz interessiert, drückte ihn und grinste leicht verzerrt. Im Gespräch ergab sich, dass sie vor Kurzem den Pullermann ihres Vaters gesehen hatte und diese Erfahrung noch nicht angemessen zuordnen konnte.

Mein Eindruck ist, dass es für die Entdeckung des eigenen Körpers bei Kindern, wie auch der Entdeckung eigener sexueller Empfindungen nicht von Bedeutung ist, ob eine Puppe mit Geschlechtsteilen versehen ist oder nicht. Die Realität, also das, was Kinder bei sich selbst und anderen Kindern an körperlichen Unterschieden entdecken, sehen und fühlen können, ist viel konkreter und spannender als die Demonstration durch eine Puppe.

Im therapeutischen Setting, wenn es z.B. darum geht sexuellen Mißbrauch aufzudecken, können die Puppen sicherlich zur Veranschaulichung und Konkretion des Erlebten hilfreich sein.

Video: Lutz und Linda, zwei dicke Freunde

Alle Geschichten konnten von den Kindern zugeordnet werden und im Gespräch mit eigenen Erfahrungen gefüllt werden. Besonders die Geschichte zum Küssen schien für einige Kinder große Erleichterung zu beinhalten. Alle wußten um die unangenehme Erfahrung geküsst oder angefaßt zu werden, wenn sie es selbst gar nicht wollten.

Einigen Kindern fiel auf, dass Lutz und Linda im Film nicht so viel Ähnlichkeiten mit den Lutz und Linda-Puppen haben. Auch der Gesichtsausdruck der Kinder im Film wurde von manchen Kindern als oft nicht angenehm oder situationsentsprechend empfunden.

Auffallend war für mich, dass es in der Filmgeschichte zu Schwangerschaft und Geburt von Lindas Schwester hauptsächlich um die Belastung der Mutter durch die Schwangerschaft ging und die empfundene Ausgrenzung von Linda. Es werden keinerlei Hinweise zur Geburt gegeben – plötzlich ist das Kind da, und Linda fühlt sich wieder ausgegrenzt und klart erst wieder auf, als der Vater Verwöhnung anbietet. Der Film gaukelt vor, dass das angeblich das Normale ist.

Auffallend ist auch, das Linda überwiegend als sorgenvoll und sich selbst gerne übersehend dargestellt wird, während Lutz als der Besonnenere und irgendwie Klügere erscheint. Hier wird meines Erachtens ein Rollenklischee vorgegaukelt. Nach dem Motto: Mädchen sind nun mal sorgenvoller und stellen sich schon mal dumm an, während Jungs halt besser Bescheid wissen müssen... . Das war ein spannendes Nebenthema im Gespräch mit den Kindern und regte zu Widerspruch an.

Hörkassette

Die Kinder haben dem Video mehr Beachtung geschenkt als der Hörkassette. Dennoch war auffallend, dass sie beim bloßen Hören der Geschichten aufmerksamer waren und auch nicht mehrere Geschichten auf einmal anhören wollten (weniger konsumieren).

Meine Erfahrung daraus ist, mehr mit den Hörgeschichten zu arbeiten, wenn sich das Thema gerade anbietet, da die Filme mehr Ablenkung beinhalten.

Kartenspiel

Gespielt wurde mit dem Memory-Spiel zu den unterschiedlichen Gefühlsausdrücken auf Kindergesichtern: Fröhlich, Erstaunt, Stolz, Wütend, Traurig, Ängstlich.

Dabei war sehr auffallend, wie schwer es den Kindern fiel, die Gesichtsausdrücke zuzuordnen. Mehr Spaß machte es diese selbst zu erproben, auch vor dem Spiegel.

Interessant und gesprächsanregend wurden von mir und den Kindern die Quizfragen empfunden. Einige Fragen sensibilisieren für die bewusste Eigenwahrnehmung, auch das Ernstnehmen dieser Wahrnehmung und deren Verarbeitung.

Krabbelsack

Bisher noch nicht eingesetzt.

Puzzle-Spiel

Dieses Spiel wurde nur von zwei Kindern gepuzzelt und wurde auch nicht weiter beachtet.

Meines Erachtens hebt das Puzzle zu sehr die Nacktheit und die Geschlechtsteile von Lutz und Linda hervor, was eher als ein Eingriff in die Intimsphäre der abgebildeten und puzzelnden Kinder von mir wahrgenommen wurde.

Lieder-CD

Jedes Mal, wenn ich mit einem Kind in die Lieder-CD hineinhörte, überkam mich nach kurzer Zeit ein Unbehagen, eine Unruhe und das Empfinden, dass etwas an der Sensibilitätsgrenze meiner Ohren kratzt. Die Liedtexte alleine haben mir weniger Schmerzen bereitet als die musikalische Umsetzung.

Es bleibt mein Eindruck von etwas Numinosem und einer betont, scheinbar kindgerechten, Verpackung von Texten und Melodien. 

Das einzige Lied, das nachhaltig Beachtung fand bei den Kindern und auch bei mir als Refrain noch im Kopfe ist, ist das Berühren-Lied. Ansonsten bemerkte ich ähnliche Reaktionen bei den Kindern und den Wunsch nach Ablenkung im Spiel und nach Beendigung der Musik.

Mein Eindruck ist, dass die Lieder wiederspiegeln, wie sich Erwachsene möglicherweise vorstellen, dass Kinder sich angesprochen fühlen könnten, mit den zusätzlichen Mitteln der Verniedlichung und Lehrmeisterei.

Kinderbuch: Mama bekommt ein Baby

Lindas Mutter bekommt ein Baby, und dieses Bilderbuch soll nun endlich auch das Thema aufgreifen: Wie kommt das Baby in den Bauch der Mutter und wie kommt es raus?

Es gibt einen Extra-Innenteil im Buch, der per Text und Bilder alle Fragen beantworten soll. Ist es vorher noch möglich dem Kind aus dem Bilderbuch vorzulesen, wird es spätestens beim Text im Innenteil, für die zuhörenden Kinder, unverständlich. Die Sprache ist nicht mehr kindgerecht, auch für Erwachsene merkwürdig gestelzt, es werden psychologische und physiologische Zusammenhänge über Geschlechtsverkehr, Befruchtung und Reifung des Embryos z.T. falsch und nicht nachvollziehbar beschrieben. Die Kinder hören nicht mehr hin und langweilen sich.

Ich halte dieses Buch für völlig ungeeignet, um es zur Unterstützung eines aufklärenden Gespräches mit Kindern heranzuziehen.

Ratgeber für Eltern zur kindlichen Sexualentwicklung vom 1. bis zum 3. Lebensjahr und vom 4. bis zum 6. Lebensjahr: Körper, Liebe, Doktorspiele

Beim Lesen der Texte, die sich an der Psychosexuellen Theorie (Trieb-Theorie) von Sigmund Freud orientieren, bekam ich zunehmend den Eindruck, dass trotz freundlichen, informativen Erzählstils ganz nebenbei eine Verletzung der Intimsphäre von Kindern stattfindet.

Die Autorin hebt immer wieder darauf ab, dass Kinder sexuelle Wesen sind und bringt damit ihre selbstverständlichen sexuellen Empfindungen in den Rang des Besonderen und damit in das besondere Augenmerk der Erwachsenen, die ja alles wissen bzw. über alles Bescheid wissen sollten und jetzt noch besser Bescheid wissen, selbst wenn sie ihre eigene Sexualität möglicherweise nicht oder schon lange nicht mehr verstehen. Die Reduzierung von Kindern auf sexuelle Wesen verstellt den Blick für die Wahrnehmung des Kindes als ganzen Menschen mit Fähigkeiten und Fertigkeiten, Wahrnehmungen und Empfindungen, eben auch sexuellen.

Gerade weil viele Erwachsene als Kinder nicht in ihrer Selbstverständlichkeit und Individualität wahrgenommen wurden, haben sie auch oft Schwierigkeiten im Umgang mit der eigenen Sexualität und/oder der des Gegenübers. Wie sich das auf den Umgang mit den eigenen Kindern auswirken kann, zeigt sich an den Körpersymptomen und Verhaltens- und Entwicklungsauffälligkeiten der Kinder. Die Texte überspringen diese Gegebenheit und tun so, als sei bei uns Erwachsenen alles normal, und dann können wir die Kinder auch in ihrer Lust an ihrem Körper unterstützen und begleiten. Wir wissen ja um unsere Grenzen, haben einen angemessenen Umgang mit unserem Geschlecht und würden nie Übergriffe begehen und wenn doch, es sofort bemerken. Es wäre schön, wenn das wirklich so wäre!

Meiner Meinung nach bedarf es Informationsbroschüren für Erwachsene, die ihnen Anregungen geben, sich mit ihrer eigenen Sexualität auseinanderzusetzen, sich zu begreifen in unterschiedlichen Verhaltensweisen, Hemmungen, Vorstellungen und Tabus und sich das wieder zu trauen, was Kinder, ganz ohne die Anleitung von Erwachsenen, selbstverständlich, lustvoll und lernfreudig einfach tun. Wenn wir einen angemessenen Umgang mit unserem Körper finden bzw. gefunden haben, ihn als unser Zuhause begreifen und entscheiden, wie es in uns und um uns sein darf und soll, dann ist der Umgang mit Kindern und die Begegnung mit deren Experimentierfreudigkeit kein Problem.

Der eigentliche Übergriff in die Intimsphäre der Kinder über die Texte und auch die Gefahr, die diese in sich bergen, ist meiner Meinung nach, dass den Phantasien von Erwachsenen, die eben keine geglückte sexuelle Entwicklung erfahren haben, Tür und Tor geöffnet wird für Übergriffe, mit den im Text gelieferten Begründungen. Kinder brauchen ja die körperliche Nähe und auch die Erfahrung der Nacktheit ihrer Eltern. Sie wollen angefaßt werden und die Geschlechtsteile ihrer Eltern kennenlernen, damit nicht das Empfinden von Tabuzonen entsteht. Sie wollen mit ihren Eltern baden, mit ihnen in einem Bett schlafen und kuscheln usw....! . Mir wird ganz schlecht bei dem Gedanken, wie die Beschreibungen im Ratgeber auch missbraucht werden können und nicht zuletzt pädophilen Menschen kostenloses Material zur Verfügung gestellt wird. Oder wie mir von den vorher genannten 2 Erwachsenen, die versucht haben die Texte zu lesen, beschrieben wurde, dass sie erschrocken gewesen seien und nicht weiter lesen wollten.

Beurteilung

Die Kindergartenbox enthält viel Material, jedoch wenig Inhalt. Die Info-Broschüren sind in hohem Maße kindergefährdend und sollten meiner Meinung nach schnellstens entsorgt werden.

Angaben nach TMG HIER

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